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St. Christophorus - Westerland / Sylt

Für ein Hotelzimmer wäre dies beste Lage, noch dazu auf der beliebten Nordseeinsel Sylt. Doch die Nähe zum Meer kommt auch der Christophorus-Kirche zugute, denn hier werden die Einwohner von Westerland ebenso willkommen geheißen wie ruhesuchende Badegäste. Da mag es nicht erstaunen, dass die Architektur maritime Bilder wachruft: Zwei backsteinverkleidete Wandscheiben auf elliptischem Grundriss formen ein Schiff im besten Wortsinn. Im Inneren wird die liturgische Feier zwischen zwei Polen zur intensiven Gemeinschaftserfahrung. Und nicht zuletzt zeigen die bullaugenartigen Fenster biblische Geschichten zum Thema "Wasser".

Beschreibung

Der Kirchenbau erhebt sich auf einem annähernd elliptischen Grundriss, der aus zwei einander gegenüberliegenden, nach außen gewölbten Wandscheiben gebildet wird. Die beiden Bögen überschneiden sich jedoch nicht, sondern werden an ihren Enden je von kurzen, nach innen geknickten Mauern und Fenstern abgeschlossen. Dem Kirchenschiff ist im Südwesten ein Turm auf dreieckiger Grundfläche, im Nordosten ein Gemeindehaus auf rechteckiger Grundfläche angegliedert.

Nach außen zeigt der Stahlbetonbau eine rottonige Backsteinverkleidung. Die beiden äußeren, niedrigeren Wandscheiben des Kirchenschiffs sind durch kleine Rundfenster durchbrochen. Darüber erhebt sich je die innere, höhere Wandscheibe. Sie wird von senkrechten Wandvorlagen und dazwischen von – im Bogen auf- und wieder absteigenden – Schlitzfenstern durchzogen. Dieser Bogenlinie folgt auch die zwischen die Wandscheiben eingehängte, flache Dachdeckung. Nur durch einen niedrigen Verbindungsgang an das Schiff angegliedert, wird der backsteinverkleidete Turm durch eingetiefte Kreuzformen besonders ausgezeichnet.

Man betritt den Kirchenraum von Norden über den geschützten Vorhof. Im Inneren wiederholt sich das Motiv der senkrechten, gleichmäßig getakteten Wandvorlagen. Als Stützenreihen trennen sie jeweils die niedrigeren "Seitenschiffe" vom Hauptraum. Darüber gehen sie in Wandvorlagen über, zwischen denen die Schlitzfenster den Raum belichten. Während die Wände zumeist eine Backsteinverkleidung zeigen, bleibt der Beton in einigen waagrechten Elementen und vor allem im Strebenraster der Kirchendecke sichtbar. An den beiden Enden der Ellipse werden hohe Wandscheiben jeweils von Fensterschlitzen gerahmt.

Liturgie und Raum

Die liturgische Raumordnung von St. Christophorus wurde nach der Einweihung der Kirche im Jahr 2000 fachlich und auch publizistisch intensiv begleitet. Schließlich fand man mit dem Designer W. Gies von 2006 bis 2009 zu einer Ausstattung, die der im Grundriss angelegten elliptischen Form folgt: In der Raummitte bildet ein kreuzförmig eingetieftes Taufbecken bereits seit 2000 eines der Herzstücke der neuen Kirche. Hier können Täuflinge ganz ins Wasser eintauchen bzw. eingetaucht werden. In den beiden Brennpunkten der Ellipse wurden aus Naturstein ein Altar ("Tisch des Mahles") und ein Ambo ("Tisch des Wortes") gefertigt. Der freistehende Altar wird am östlichen Ende der Ellipse von einer Konche mit Tabernakelstele hinterfangen, hinter dem Ambo fand die Orgel im Westen eine ebenerdige Aufstellung. Die kurzen Bänke und die bewegliche Bestuhlung folgen dem Verlauf der Außenmauern und bilden so eine Ellipse. Damit wurde St. Christophorus zu einem der viel beachteten sog. Communio-Räume, der die liturgische Feier als intensive Gemeinschaftserfahrung zwischen zwei liturgischen Polen aufspannt.

Ausstattung

Die heutige Innenraumgestaltung – von Altar und Ambo über die Sedilien bis hin zur dunkelblau gefassten Westkonche – wurde 2006 vom Künstler W. Gies entworfen. Die Orgel entstand 2009 durch die Dresdener Werkstatt Jehmlich, das Gehäuse wiederum folgt einem Konzept von Gies. Aus dem 1957 geweihten Vorgängerbau wurden nicht allein die Glocken, sondern auch Teile der Glasgestaltung des Künstlers Emil Wachter übernommen: Die Rundfenster in den äußeren Wandscheiben der neuen Kirche bergen jetzt biblische Motive mit Bezug zum Wasser, die Ostrosette mit dem Thema "Geburt der Gestirne" findet sich nun im Gemeindesaal. Auch das Marienbildnis von Wachter kam in der neuen Kirche wieder zur Aufstellung.

Von der Idee zum Bau

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts nahm Sylt als Seebad einen starken Aufschwung. Im protestantisch geprägten Urlauberort Westerland entstand 1896 die erste römisch-katholische Kirche nach der Reformation, die Kapelle Zum Heiligsten Herzen Jesu. Sie wurde 1959 abgerissen und abgelöst durch die 1957 geweihte Kirche St. Christophorus an neuem Standort. Der nach Entwürfen des Architekten Herman Gehrig errichtete Bau musste 1997 einem Neubau an gleicher Stelle weichen. Den dazugehörigen Wettbewerb hatte der Architekt Dieter G. Baumewerd 1994 mit dem ersten Preis für sich entscheiden können. Die Bauarbeiten starteten 1997, die Weihe wurde am 30. April 2000 gefeiert. Erst 2006 kam die Innenraumgestaltung durch den Designer W. Gies hinzu, die 2009 mit der Orgelweihe ihren Abschluss fand.

Der Architekt

Dieter Georg Baumewerd wurde am 12. Juli 1932 in Braunsberg in Ostpreußen geboren. Nach dem Krieg absolvierte er zunächst eine Ausbildung zum Maler, dann eine Lehre zum Bauzeichner. 1962 schloss er sein Architekturstudium an der Kunstakademie Düsseldorf ab. Im selben Jahr gründete er ein eigenes Architekturbüro, das er ab 1994 auf 16 Mitarbeiter erweiterte. Von 1971 bis 1996 lehrte Baumewerd an der FH Dortmund. Er wurde 1965 ausgezeichnet mit dem Förderpreis zum Großen Kunstpreis NRW, hatte von 1987 bis 1991 den Landesvorsitz des Bundes Deutscher Architekten (Architektenkammer NRW) inne. Baumewerd verstarb am 19. Dezember 2015 im Alter von 83 Jahren.

Obwohl Baumewerd auch in den Bereichen Wohn- und Bildungsbau arbeitete, wurde er vor allem für seine kirchlichen Projekte bekannt. Bereits während seiner Ausbildung prägten ihn Berufskollegen wie Hans Schwippert und Rudolf Schwarz, die ihre Kirchenbauten im Geist einer liturgischen Erneuerung gestalteten. Für die 1966 in Emmerich geweihte Heilig-Geist-Kirche entwickelte Baumewerd kurz nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil einen zweigeteilten Altar, so dass auch ein "Tisch des Wortes" sichtbar wurde. Eine Lösung, wie er sie später in seinen elliptisch geschwungenen Grundrisslösungen St. Christophorus (2000) auf Sylt und St. Johannes Baptist in Leopoldshöhe (2002, abgerissen 2018) wieder aufgriff. Von 1987 bis 2001 wirkte Baumewerd zudem in der Arbeitsgruppe für kirchliche Architektur und sakrale Kunst (AKASK) der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz.

Literatur (Auswahl)

  • Dieter G. Baumewerd: Kath. Pfarrkirche St. Christophorus in Westerland/Sylt, in: kunst und kirche 64, 2001, 151-153.
  • Dieter G. Baumewerd: St. Christophorus Kirche in Westerland auf Sylt, in: Albert Gerhards/Thomas Sternberg/Walter Zahner (Hg.): Communio-Räume. Auf der Suche nach der angemessenen Raumgestalt katholischer Liturgie, Regensburg 2003, 142-146.
  • Albert Gerhards: Räume für eine tätige Teilnahme. Katholischer Kirchenbau aus theologisch-liturgischer Sicht. Spaces for Active Participation. Theological and Liturgical Perspectives on Catholic Church Architecture, in: Wolfgang Jean Stock (Hg.): Europäischer Kirchenbau. 1950-2000. European Church Architecture, München u. a. 2002, 16-33, hierin: 26-28, 33.
  • Matthias Ludwig/Reinhard Mawick (Hg.): Gottes neue Häuser. Kirchenbau des 21. Jahrhunderts in Deutschland, Frankfurt am Main 2007, 16-19.
  • Jürgen Tietz: Das Geheimnis des Elementaren. Zwei neue Bauten von Dieter G. Baumewerd, in: das münster 55, 2002, 51-59.
  • Porträt der Kirche St. Christophorus Westerland (mit Fotos von Gunnar Staack), auf: kirchbau.de (www.kirchbau.de/php/300_datenblatt.php?id=9980&, Abrufdatum: 19. September 2018).
  • Internetpräsenz von Baumewerd Architekten:baumewerd-architekten.de.
  • Internetpräsenz der Emil-Wachter-Stiftung:www.emil-wachter-stiftung.de.
  • Wir danken allen Bildgebern für ihre freundliche Unterstützung: Die Bildnachweise werden jeweils am Bild selbst geführt, sie werden beim Klick auf das jeweilige Bild sichtbar.


Autor:Dr. Karin Berkemann, Frankfurt am Main/Greifswald

Quelle: www.straße-der-morderne.de